24. Februar | Hansaring
Vage Anzeichen des nahenden Frühlings: in den Supermärkten werden Clownsnasen und Schnapsgürtel aussortiert, dafür Paletten mit Schoko-Osterhasen reingeschoben; früher musste man extra in den Parks nachschauen, ob schon irgendwo Knospen treiben.
23. Februar | Maybachstraße
Eine Woche Diät: wie lange wird mich der Kioskbesitzer noch grüßen?
22. Februar | Küche
Sascha Kokot, dessen Lyrik ich sehr schätze, hat mich gefragt, ob wir eines unserer letzten Bücher tauschen wollen; Freude und gleichzeitig die Befürchtung, ihn zu enttäuschen. Es hört nie auf.
21. Februar | Schwerte
Auf Einladung, am Abend in der Rohrmeisterei: sehe mich auf Kinoleinwand-Größe, in Zeitlupe durch den eiskalten Beethovenpark gehen, es sind die Clips vom Weissmann Verlag, bemerke, dass ein Knopf auf der Mantelschulter nicht zu ist. Zur Musik von Rike Casper wabert derweil schon der Geruch von älteren, adipösen Herren aus der Provinz und warmgehaltenem Buffet durch den Saal.
20. Februar | Buchhandlung
Bereits sechzehn Jahre vor Neil Armstrong landeten Tim und Struppi auf dem Mond: Hergé, Pionier.
19. Februar | Küche
Wir haben jetzt eine Mikrowelle und immer, wenn sie pling macht, sagt L pling! Meinen besten Gedichten liegt ein weitgehend identisches Verfahren zugrunde.
18. Februar | Bett
Es gab einige gute Filme in letzter Zeit, Chabrols Les Biches war in seiner Pastellhaftigkeit noch der schwächste, Anatomie eines Falls von Justine Triet und Der schlimmste Mensch der Welt von Joachim Trier habe ich noch einige Zeit im Kopf hin und her gerückt, ihr Echo betrachtet; wenn Renate Reinsve abends durch Oslo streunt und sich auf eine private Hausparty schleicht, dann erinnere ich mich an einige Frühlingsnächte kurz nach der Jahrtausendwende in Berlin, wir hatten unser spärliches Geld längst vertrunken, wollten noch nicht nach Hause und so drückten wir, sobald irgendwo Musik und Stimmen runter auf die Straße drangen, die schweren Holztüren einfach auf, gingen in die offen stehenden Häuser, gingen hoch, immer dem Krach nach, standen mit Weinflaschen in fremden Fluren, an fremden Bücherregalen, irgendwo Danziger, Skalitzer, wo es nie hell wurde, lagen mit neuen Menschen rauchend in Badewannen nebeneinander, seitlich die Knie über den Rand und verhandelten mit den anderen das Schicksal der Welt, bis nichts mehr zu trinken da war oder es plötzlich doch hell wurde.
17. Februar | Eigelstein
Kürzlich habe ich mit P ein Hotel im Montmartre gebucht, für Anfang Juni, wir überlegen, im Sommer irgendwo in Belgien zu zelten, und wir reden schon von Ostern am spanischen Mittelmeer, während hier der Winter einfach nicht verschwinden will, man das Grau nicht aus den Kleidern kriegt. Ich habe ein tiefes Heimweh nach fremden Ländern, schrieb Rahel Varnhagen.
16. Februar | Zuhause
Manchmal noch schöner als Lesen: nicht lesen.
15. Februar | Zuhause
Mittags in den Finger geschnitten: Blut rinnt pulsierend aus dem rechten Daumen, mein Herz hämmert fest und ich fühle mich kurz sehr lebendig.
14. Februar | Buchhandlung
Heute Arno Schmidt entstaubt, hier und da hängengeblieben, später die Bändchen von SuKuLTuR sortiert und bei Romina Nikolić dann dies: Ich habe Unwetter im Haar. In den Nächten liege ich wach und wünsche mir eine Geschichte, in der die Worte zwischen mir und dir etwas bedeuten. Ein langer Tag, am Abend hält mir L ein Bild mit Giraffe vors Gesicht und sagt: Hier, guck.
13. Februar | Caffé Alfredo
Früher bin ich immer an die holländische Nordsee gefahren, während dieser Tage; keine Ahnung, wieso und wann das aufgehört hat und man sich jetzt durch die Innenstadt voller Schunkelei und Konfetti arbeiten muss, man im leeren Laden rumsteht und das einzig Erhellende die Lieferung des neuen Gedichtbandes von Yevgeniy Breyger ist.
12. Februar | Küche
Die ersten drei Kostüme, die ich sehe: Leopard, Schaf, Popeye. Es regnet in Strömen, es ist Weiberfastnacht, meine letzte Lamy-Patrone ist leer, die Geschäfte haben zu und gestern ist Cees Nooteboom gestorben: Der Mensch ist ein trauriges Säugetier, das sich kämmt.
11. Februar | Café Schmitz
Vor lauter Lobeshymnen, zuletzt in der ZEIT (beklemmend! surreal! unheimlich! und natürlich auch – immerhin unausgesprochen – kafkaesk), komme ich gar nicht mehr dazu, das neue Buch von Hiroko Oyamada einfach nur ganz nett und mittel-originell zu finden.
10. Februar | August-Sander-Park
Einen Roman zu schreiben ist eine irrwitzige, absurde Vorstellung; wie sollte das gehen, wo schon das Lesen dermaßen anstrengend ist?
09. Februar | Café Schmitz
Habe ein paar neu herausgegebene Kurzgeschichten und Reportagen von Jack London gelesen, die leider eher blass bleiben, wie Vorstufen zu weiterführenden Arbeiten; aber im Nachwort lerne ich den Begriff hobo und erfahre zudem, dass er täglich mindestens tausend Wörter schrieb. Und – wer ist jetzt blass, hm?
08. Februar | Eigelstein
Laufe ziellos durchs Viertel, lasse den Hund bestimmen, höre die Metamorphosen von Richard Strauss und komme mir wie ein Hundertjähriger vor.
07. Februar | Buchhandlung
Es ist merkwürdig und auch skurril, wie oft mir mittlerweile – meist ungefragt – Lyrik-Publikationen zugeschickt werden, in den Laden, nach Hause, per Mail als pdf, meist männliche Autoren aus mittelgroßen Städten. Als ob das etwas bewirken würde, als ob ich etwas tun könnte. Wie kommt man darauf? Worauf hoffen sie? Ich bleibe stets freundlich und zugewandt, bisweilen bemerkt man vielleicht eine vage Irritation.
06. Februar | Innenstadt
Lese irgendwo, dass in Florida die Leguane, halbgefroren vor Kälte, von den Bäumen fallen; ich sitze im Auto, minutenlang an einer Ampel, komplett blockiert von einem Baustellenfahrzeug, manche hupen, die Arbeiter meiden meinen Blick, gehen ihrer Arbeit nach, ein Schüler wirft eine Capri Sonne auf den Gehweg, ein anderer tritt drauf, stelle mir vor, wie der Ring von halbgefrorenen Leguanen geräumt werden muss, die sich am Rand stapeln, die behutsam in Container geschichtet werden – ich sitze im Auto, möchte nach Hause, ins Bett, in ein paar Gedichte von Ditlevsen reinschauen, die Kinder in der Dunkelheit atmen hören.
05. Februar | Hansaring
Immer wenn ich keine Zeit zum Arbeiten habe, werde ich nervös und wenn ich Zeit zum Arbeiten habe, denke ich nur darüber nach, was ich als nächstes essen könnte.
04. Februar | Stadtbibliothek
Gestern vor 24 Jahren nahm sich Aglaja Veteranyi in Zürich das Leben und heute spreche ich über ihr Leben, ihr Werk, ihre Bezüge zu meiner eigenen Poetik, fabuliere vor über hundert Leuten vom Unterwegssein, der Fremde und meiner Liebe zu Antihelden, bis ich mir selber alles glaube. Und über allem ihr unverwüstliches Credo: Solange ich verletzlich bleibe, kann ich weiterschreiben.
03. Februar | Küche
Probedruck durchsehen, eine 137seitige Lose-Blatt-Sammlung, keine Fehler finden, eine kurze Mail nach Magdeburg (Betreff: Druckfreigabe), vorher das Streichen über den eigenen Namen, ihn betrachten, bis er einem als fremde Buchstabenfolge erscheint; warten, dass die Aufregung verfliegt, man sich wieder um die Kartoffeln kümmern kann.
02. Februar | Café Schmitz
In Camus‘ Tagebüchern der 50er Jahre notierte er die zehn für sein Denken wichtigsten Wörter: Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. Welche wären meine?
01. Februar | Küche
Neulich in der Buchhandlung vor der Makulatur gerettet: Ding Lings Tagebuch der Sophia. Mit einem Monat Verspätung liefert sie heute einen großartigen Eintrag zum neuen Jahr: 1. Januar. Ich weiß nicht, wie lebenslustige Leute Neujahr verbringen. Ich gebe nur ein Ei in die Milch.
31. Januar | Buchhandlung
Heute ist alles grau, die Gespräche, das Essen, sogar die Haare.
30. Januar | Filmforum Ludwig
Wenn man seit fünf Tagen mehr Zeit mit Rike Scheffler als mit seinen Töchtern verbringt, dann ist es genug; genug hingehört, weggehört, geschleppt, gelächelt und nicht geschlafen, Dabei ist Rike Scheffler sehr nett, daran liegt es nicht.
29. Januar | Küche
Im Radio sagt Harald Schmidt heute Morgen ab und zu Haraldschmidtsätze wie: Die Frage stellt sich für mich nicht oder Damit beschäftige ich mich schon lange nicht mehr. Kurz, beim Ausräumen der Spülmaschine, dem Einlegen der Oliven, ein Anflug von Bewunderung und Eifersucht.
28. Januar | Altes Pfandhaus
Hört man Sarah Howe zu, die so beeindruckend sanft und elegant über ihre englischen Verse schwebt und schmirgelt sich danach die deutsche Übersetzung ins Ohr (zweifelsohne stark vorgetragen von Uljana Wolf) – dann verhält sich das ungefähr so wie norwegisches Gletscherwasser zum jenem, was trüb aus den Athener Leitungen rinnt.
27. Januar | Espresso Perfetto
Im Stadtanzeiger lese ich, dass Christoph Poschenrieder eine Lesung in Ehrenfeld hatte – seine letzte: er werde seine schriftstellerischen Tätigkeiten vollends einstellen und fortan in seiner Heimatstadt als Straßenbahnfahrer arbeiten. Mich persönlich betrifft das nicht (ich lese seine Bücher nicht und von meinen muss ich nicht leben), aber dennoch wirft es ein aussagekräftiges Bild auf diese Branche: sich als Autor eines großen Verlags nach Jahren aus finanziellen Gründen für diesen Schritt zu entscheiden, erscheint mir skandalös.
26. Januar | Innenstadt
Soft Magic: Auf dem Heimweg der POETICA-Eröffnung, nachts zu Fuß, am Rand ein Haufen Sperrmüll, ein ramponiertes White Board, mit roter Farbe besprayt: Love yourself und auf einer Tischplatte daneben mit Edding: Rapha stinkt. Ich stecke die Hände tiefer in die Taschen, weiß, Poesie ist Sache der Straße.
25. Januar | Mediapark
Wenn man neben einer Klinik für Orthopädie wohnt, wird einem täglich klar, welche Schrecklichkeiten passieren können, aber auch, wovor man bislang verschont geblieben ist.
24. Januar | Buchhandlung
Lese ein wenig in den kürzlich publizierten Liebesbriefen aus Anna Seghers‘ Studententagen, darunter Anreden an ihren späteren Ehemann wie Küken, König, Einzige Seele, Mein Lebensauge, Brüderlein, Hammelskopf, Kleinkind, Hirtlein, Eselshirt, Mein Einzig-Leben, Zipfelgeistlein, Hündli und Hündlein; zum Glück war all dies zu Zeiten meiner Magisterarbeit über sie noch unbekannt.
23. Januar | Literaturhaus
Nadja Küchenmeister ist eine bescheidene, eine durch und durch sympathische Dichterin und ihre Aufregung im Vorfeld passt auch irgendwie dazu. Ihre Texte, besonders die frühen, finde ich sehr stark, einzig ihr Spleen für die Farbe Gelb kann ich eher nicht so teilen – dafür erinnere ich mich an diesen bemerkenswerten Satz: Erinnern ist erfahren und erfinden. PS: Wenige Stunden nach diesem Eintrag wird bekannt, dass sie den diesjährigen Huchel-Preis zugesprochen bekommt.
22. Januar | A59
Bluetooth versagt, daher WDR 5, Jürgen Wiebicke im Gespräch mit dem Zukunftsforscher Tristan Horx, der sich – und das blieb mir im Kopf – als wütenden Optimisten sieht. Die Sonne scheint, kaum Verkehr, ich weiß, wo die Blitzen stehen.
21. Januar | Belgisches Viertel
Versuche mich derzeit, der Musik von Charlotte de Witte zu nähern: ich mag, wie sie über die Ideen von Techno spricht, sie ist klug und so energiegeladen. Nur leider kann ich ihre Tracks (noch) nicht länger als ein paar Minuten hören. Werde es morgen auf einer Autofahrt noch mal, mit mehr Lautstärke, versuchen – und falls nicht, dann zurück auf Nummer sicher mit Amy Winehouse.
20. Januar | Küche
Keine Ahnung, wie es gehen könnte: der Weltpolitik entkommen, ausweichen. Ihr zersetzendes Gift sickert in Herz und Hirn, so viel Poesie kann ich gar nicht lesen, so viel Musik gar nicht hören, so lange in die Luft nicht gucken.
19. Januar | Coffee Fellows
Noch nie habe ich eine derart präzise und melancholische Beschreibung eines herkömmlichen Telefons (mit Schnur und Wählscheibe) gelesen wie heute bei Cynthia Zarin; ich spüre das dunkelgrüne Plastik mit seinen winzigen, muffigen Löchern an meinen Lippen, wie ich 1994 jemandem etwas zuflüstere.
18. Januar | Küche
In der aktuellen Ausgabe von Sinn und Form schreibt Alexandru Bulucz treffend und klug über Agi Mishol (leider gibt es nur einen Band auf deutsch) – und irgendwo dazwischen blitzt Hölderlin aus einer Textspalte hervor: Wir sind nichts, was wir suchen, ist alles.
17. Januar | WDR Funkhaus
Angeblich kann man in klarer Nacht bis zu 9095 Sterne mit bloßem Auge erkennen: Überfluss, allerorten.
16. Januar | Rautenstrauch-Joest-Museum
Man kann ja Salgados Fotografien aus dem brasilianischen Regenwald finden wie man möchte, aber ihr Verdienst, Demut und Ehrfurcht vor der zerbrechlichen Schönheit der Welt zu vermitteln, ist unbestritten.
15. Januar | Stadtgarten
Alles grau, grau, grau, zu wenig Schlaf und seit Tagen nichts geschrieben. Da ist es nicht zuträglich, mit Gisbert zu Knyphausen im Ohr durch den Park zu irrlichtern, bei Nieselregen. Und dann macht einer den Matcha to go und ich blaffe ihn an, muss später nochmal zurück, um Entschuldigung bitten.
14. Januar | Zuhause
Ein Kind: die maximale Form der Revolte.
13. Januar | Zuhause
Wieder an Don Quijote gescheitert, diesmal in der neuesten Übersetzung von Susanne Lange.
12. Januar | Café Schmitz
Finde heute ein bemerkenswertes Simone-Weil-Zitat bei Patti Smith: Tu immer das, was dich am meisten kostet. Gibt mir zu denken; sollte es auch.
11. Januar | Bett
Als wir die Kichererbsen einlegten, erinnerten wir uns noch daran, uns nachts nicht zu wundern über ihr Knacken in der großen Schüssel, das sind dann ja nur die Kichererbsen; nachts wundere ich mich über ein Knacken, weiß eine Ewigkeit nicht, was das sein könnte. Als es mir endlich einfällt, stehe ich auf und schließe die Tür. Weil ich in der Stille nicht mehr einschlafen kann, denke ich noch eine Weile an die fünfzig Schafe, die letztens irgendwo ausgebüxt und in einen deutschen Supermarkt gelaufen sind. Eins, zwei, neununddreißig, vierzig…
10. Januar | Bett
Lese die Neuübersetzung eines Romans von Tezer Özlü, bestaune ihre radikal reduzierte, geradezu entkleidete Prosa, dass es mich fröstelt; Sätze wie Metallgerüste. Früher am Abend – was für ein Kontrast – fand ich Post von José Oliver im Briefkasten, ich freue mich immer so sehr, wenn er mir schreibt. Ich antworte sogleich, lege jenes Bändchen der Änderungsschreiberei mit meinem ins französische übersetzte Gedicht hinzu. Ob wir uns in Hausach sehen?
09. Januar | Buchhandlung
Heute vor Ladenöffnung im Büro: auf dem Tisch ein Kundengeschenk, zwei Ein-Liter-Flaschen österreichischer Glühwein (Zutaten: Rotwein, Zucker, Zimt, Nelken). Und der erste Titel im Stapel der Bestellungen, den ich mit Karacho daneben wuchte: Kopfschmerzen. Ursachen, Mechanismen, Diagnosen, Therapien (4. Auflage, 1072 Seiten, 299 €). Lange geschmunzelt.
08. Januar | Mediapark
Die Arbeit am Manuskript schafft mich, ich bin antriebslos und komme nicht weiter. Mittags sitze ich mieslaunig beim Frisör und sehe im Spiegel, wie hinter mit im Hotel eine Frau die Betten frisch bezieht, wie sie sich abmüht und Arme voller Schmutzwäsche wegträgt. Vielleicht ist doch alles gar nicht so schlecht, denke ich, vielleicht bin nur ein bisschen zu dämlich für alles.
07. Januar | Buchhandlung
Axel Hacke las an zwei Abenden im ausverkauften Gloria, heute dann kauft er einen russischen Klassiker im Taschenbuch, zückt zum Bezahlen eine Geldscheinklammer aus der Weste und ist ansonsten ausnehmend sympathisch. Außerdem hatte ich früher auch mal eine Geldscheinklammer, aber nie genug, was ich hätte klammern können, so dass ich sie bald weggab. Den russischen Klassiker besitze ich übrigens gebunden, in der Werkausgabe, mit Lesebändchen.
06. Januar | Müngersdorf
Wegen eines Geburtstagsgeschenks für L fuhren wir heute tief in den Kölner Westen, seine ausgefransten Ränder. Alles schlummerte unterm Schnee: Wiesen, Wege, ein kleines Wäldchen; es sah aus wie in Sibirien, wir stellten die Heizung auf 3 und Lana del Rey lieferte den Soundtrack zu schmatzenden Reifen auf ungeräumten Sträßchen.
05. Januar | Innenstadt
Die DIN-Norm 4022 definiert Geröll.
04. Januar | Zuhause
Morgens habe ich den 2025er-Kalender von der Wand genommen, auf dem letzten Dezemberblatt dieses kleine Gedicht von Josep Navarro Santaeulàlia: Unterm Regenschirm / lauf ich mitten durch Pfützen / und tret auf Wolken. Im katalanischen Original: Sota el paraigua, / pels bassals del camí / trepitjo núvols.
03. Januar | Zuhause
Seit zwei Tagen putze ich mir die Zähne mit einer himbeerfarbenen Kinderzahnpasta, weil ich meine in München vergessen habe und ich es ebenso seit zwei Tagen nicht schaffe, eine neue zu kaufen; in der dunklen Wohnzimmerecke nadelt ein Weihnachtsbaum, von der Zeit eingeholt und nutzlos, so sehen wir uns schweigend an, wie Fremde: ich glaube, das Alleinsein ist nichts mehr für mich.
02. Januar | Buchhandlung
Wenn man aus den Bachmann-Frisch-Briefen was fürs TV drehen würde, liefe das im Vorabendprogramm von RTL.
01. Januar | München
Beginne dort, wo du bist, sagt Petra Kelly. So sei es, hier steht es. Hier bin ich.
31. Dezember | München
Es ist egal, aber
30. Dezember | Spitzingsee
Ein Spaziergang mit Kindern, Hunden, Sonnenbrillen und Schlitten. Ein metallisch blauer Himmel, das Eis, wie es knackt, wie es singt, immer wieder, unter unseren Füßen Risse zieht, blitzartig. Ausbalancieren der Spannung, Vertrauen, dass es hält.
29. Dezember | München
Im Bett, eine wache Kindheitserinnerung an klobige Fäustlinge, mit einem Klettverschluss oberhalb des Handrückens, blau, gelb, schwarz, monströs häßlich; das Innenfutter, schmutzig-weiß, man musste ewig die Hände waschen, so widerlich war der Gestank. Ich kann ihn vier Jahrzehnte später noch riechen.
28. Dezember | München
Matthias Brandt schreibt in der FAZ über seine Zuneigung zur Muppet Show; in einer Folge erfahren die Figuren vom Tode ihres Schöpfers Jim Henson; sie beratschlagen, was denn nun zu tun sei, da ihr Erfinder, der Puppenspieler gestorben ist. Mir geht diese anrührende Szene nicht mehr aus dem Kopf, ich werde also mit 49 Jahren zum ersten Mal eine Folge der Muppet Show anschauen.
27. Dezember | Bastians
Sag Feuer: Lektüre des Debüts von Selma Asotić, eine Riesenentdeckung: Statt Trost / sage ich Feuer: Statt Verzeih sage ich Feuer. / statt Oktober sage ich das Licht nimmt die Farbe von Schüssen an. Einer jener Lyrikbände, die das Vertrauen ins eigene Schaffen erschüttern: ich brauche das.
26. Dezember | Rhein
Das einzig Gute am Winter: keine Inliner, kaum Touristen.
25. Dezember | Hansaring
Die Stadt als Geisterkulisse; alle sind fort, Heimat, Zuhause, was man dafür hält, nur ab und zu eine gebückte Gestalt an einer Häuserwand, dem schneidenden Wind zu entgehen. Köln ist eine Attrappe, wir die letzten Statisten, mit vollgeschlagenen Bäuchen.
24. Dezember | Agneskirche
Kindermesse. Der Refrain des letzten Liedes: Das wünsch ich mir, dass immer einer bei mir wär, der lacht und spricht: Fürchte dich nicht. Ich stehe im zugigen Windfang, höre gedämpft, sehe beschlagen, warte und schaue vom Dunkel ins Licht, zu den anderen.
23. Dezember | Küche
Bin gestresst, hab Rückenschmerzen, Kopfweh, keine Tabletten im Haus, zu viel Arbeit und alles, was mir dagegen einfällt: ein blassgelbes Stück Tiefkühl-Ananas.
22. Dezember | Zuhause
Nach einem endlosen Arbeitstag streife ich ein, zwei Mal um die Riojas in der Küche, lasse es aber; stattdessen lese ich ein paar Seiten aus dem aktuellen Band von Rike Scheffler, es könnte ziemlich gut sein, ich bin aber zu müde, dann finde ich in der Neuen Rundschau den Beitrag von Anja Utler nicht, er ist einfach nicht drin, dabei steht sie hinten auf dem Umschlag, ich bin wirklich zu müde; gebe mich endgültig geschlagen – Audrey Hepburn scharwenzelt im trägerlosen Kleid durchs schwarz-weiß-Bild, das muss jetzt reichen.
21. Dezember | Ehrenstraße
Zunehmende Unsicherheit, ob die apokalyptisch herbeigeredete Verödung der Innenstädte, verursacht durch den Onlinehandel, wirklich eine Verschlechterung bedeuten würde.
20. Dezember | Copenhagen Coffee Lab
Fellinis Sekretärin sagte in einem Interview, er sei so flink und ungeduldig gewesen, er habe nie länger als vier Sekunden zuhören können: wer bis dahin nicht auf den Punkt gekommen war, der sei verloren gewesen – eine lange Zeit, finde ich, aus heutiger Sicht, während ich mittags die Headlines einer Lokalzeitung überfliege.
19. Dezember | Celentano
Auch dieses Jahr ein stets gültiges Versprechen: beste Carbonara mit Rodion Ebbighausen und im überlauten Lokal über jene noch geheime Dinge reden, über die man andernorts nicht reden kann.
18. Dezember | Buchhandlung
Dieser Tage kommen viele und wollen Liebesromane, die gut ausgehen – so, als gäbe es das.
17. Dezember | Stadtgarten
Seit der Lesung von Egger begleitet mich ein Satz aus dem anschließenden, Publikumsgespräch, der so wahr und schön ist, dass ich ihn bewahren möchte – sinngemäß: Wer die Antwort weiß, hat die Frage nicht verstanden.
16. Dezember | Hauptbahnhof
Ein gehuschtes Lächeln der bestimmt neunzigjährigen Frau vor Buch Ludwig, als eine automatische Ansage mitteilt, dass derzeit aufgrund einer technischen Störung die automatische Ansage außer Betrieb sei.
15. Dezember | Literaturhaus
Oswald Egger sprengt die Grenzen des Sag-, Versteh-, des Machbaren, verschiebt Konvention und Begriff, verwehrt sich vehement gegen jede Art Verheimatung seiner Textgebilde; ein einziger Abend könnte besonderer kaum sein. Als er sich beim Signieren zu mir wendet, dabei Akademie-Spöttisches in mein Ohr raunt und lacht, ist für eine halbe Sekunde alles ein überragender Scherz. Und wenn ich etwas sehen will, sagt Oskar Fiala, prompt erscheint etwas.
14. Dezember | bei St. Augustin
Bäume. Eine westdeutsche Autobahn, seine Wintertristesse: der Betonhimmel, kahle, unbewegte Gerippe, tote Flächen. Wir hören Weihnachtslieder, singen laut und schief, hinten nadeln zwei Nordmanntannen in der Heizungsluft, uns geht’s gut.
13. Dezember | Buchhandlung
Dieses berufsdeformierte Schlingern durch die aufgeregten Novitäten der Saison, dieses ganze überhitzte Palaver erzeugt jedes Mal eine Sehnsucht nach Kleist, Nabokov oder wenigstens Vicki Baum.
12. Dezember | Buchhandlung
Beim Verfassen von Finnegans Wake hat sich Joyce wahrscheinlich jeden Tag über uns totgelacht.
11. Dezember | Literaturhaus
Eine befreundete Schriftstellerin (es ist nicht Agnieszka Lessmann) erzählt mir vor der Lesung, dass sie angesichts der Weltlage seit einiger Zeit gar nicht mehr schreibe; ihre Themen seien obsolet geworden. Sie ist die erste, die das in meiner Gegenwart so klar ausspricht – und ich weiß nichts zu entgegnen, bin sprachlos erleichtert, als wir unterbrochen werden. Ich wollte vielleicht Lessmann zuhören, eine Story von Harper Lee lesen, vielleicht Notizen machen, aber ich muss immerfort an diese Aussage denken. Eine Stunde später tippe ich in mein Mobiltelefon: ich muss weitermachen, alle müssen weitermachen, alle die können. Ich verstehe den Impuls, aber es geht nicht. Darf nicht gehen.
10. Dezember | Sofa
Habe in letzter Zeit viele schlechte Filme gesehen (u.a. einen frühen Hitchcock sowie eine Kohlhaas-Adaption), zum Glück aber auch Roter Himmel und Fargo: Sommersehnsucht, Winterhölle. Paula Beer und Steve Buscemi sähe ich auch gebannt zu, wenn sie ein Garagentor anstreichen würden.
09. Dezember | Zuhause
Heute vor 14 Jahren erschien mein Debüt finderlohn; was für ein Weg bis hierher, bis heute. Ich streiche über Buchrücken, über meinen Namen, frage mich immer noch, wann der ganze Schwindel auffliegt.
08. Dezember | Hansaring
Auch wenn sich alle Theorien, Modelle und Figuren erübrigt haben, werden wir nachts auf Bettkanten sitzen, uns anschauen und uns versprechen, weiterzumachen.
07. Dezember | Küche
Beim Spülen erfahre ich vom Tod Martin Parrs. Ich habe öfter ihn gedacht, an seine übersatten Kleingarten-Porträts, seit der Düsseldorfer Ausstellung vor einigen Jahren. Lange noch trug ich das bunte Einlass-Bändchen am Arm, darauf stand: Don’t forget to call your mother after the exhibition and tell her you love her.
06. Dezember | Stadtbibliothek
Leere, Tränengas, Vollkommenheit: Lütfiye Güzel redet über Fernando Pessoa, wie eben nur sie über Pessoa reden kann und ich glaube ihr jedes Wort, wie immer; die übrigen einhundert Menschen ebenso. Sie hört gut zwanzig Minuten zu früh auf, sagt mir anschließend backstage: Muss reichen, ist sonst zu viel für die Leute, zu traurig. Leere, Tränengas, Vollkommenheit.
05. Dezember | Weinhaus Scholzen
Nach einer Lesung mit ein paar befreundeten Autoren, gegen halb zwölf, zwölf in gähnender Nacht jenseits der Venloer, kommt mir Leif Randt in den Sinn, der letztens von Ehrendorf sprach, als er Ehrenfeld meinte – ich find’s eigentlich passend, muss schmunzeln.
04. Dezember | Ebertplatz
Früh am Tag habe ich den Leitsatz für heute gefunden, Wislawa Szymborska sei Dank: I prefer the absurdity of writing poems to the absurdity of not writing poems. Ich werde es mir leise vorsagen, im Aufzug, an der Supermarktkasse, unter der Dusche und beim Waschen des Rucola, um aufkommende Zweifel mit Autorität zurückweisen zu können.
03. Dezember | Celentano
Es ist schön, mit alten Freunden an einem wackeligen Tisch zu sitzen und auf Handzeichen kommen kalte Peronis, Parmesan und Panna Cotta – fast so schön: ein Fußballspiel ansehen, bei dem einem beide Mannschaften egal sind.
02. Dezember | Sofa
Wo ich sofort von Kulturzeit zu GZSZ umschalte: wenn Schauspieler ihren neuen Film erklären.
01. Dezember | Hansaring
Wie zum Verrücktwerden einfallslos man sein kann, man starrt vor sich hin, entwickelt eine Szene bis zu jenem Punkt aus Beton, den man nicht brechen kann, dutzende Male; man ist heilfroh, wenn man jemanden zum Impfen fahren soll oder in die Stadt muss für Schnürsenkel.
30. November | Straßburg
Die wirklich plumpeste politische Metapher ist es, die Fassade moderner Regierungsgebäude flächendeckend mit Glas auszustatten, zuletzt ist mir das beim Anblick des Europäischen Parlaments aufgefallen.
29. November | Bett
Zerschlagen von einem endlosen Arbeitstag und der anschließenden Michael-Krüger-Lesung drücke ich heute morgen zweimal auf snooze – Revolte, Revolte. Kurz darauf eine Insta-Story von Luisa Neubauer, sie postet ein Screenshot ihrer gespeicherten Weckzeiten: 4:10, 4:15 (aktiviert), 4:18, 4:20, 4:35. Ich Penner, sie Königin.
28. November | Rudolfplatz
Weil man so verzweifelt ist und voller Angst, muss man immerzu in Kirchen gehen und in Kneipen, zum Zirkus, ans Meer, in Supermärkte.
27. November | Coffee Fellows
Streune durch neue Gedichtbände von Guy Helminger, Jule Weber und Pegah Ahmadi (kürzlich als unerwartetes Präsent in der Post), sowie ein Poem von Bernd Lüttgerding bei Signaturen, bleibe an seinen Versen hängen: Zurückgelassen im elektrischen Licht / habe ich keinen Stein und keinen Grund, Feuer zu schlagen. / Und doch möchte ich meine Schiffe brennen sehen. All dies genügt für einen gelungenen Nachmittag – und sollte mich später noch unerwartet eine Gastritis heimsuchen – auch dann.
26. November | Café Fleur
Das Fell des Bären: hatte ein Treffen mit meinem Verleger und einer Grafik-Designerin, es ging um Cover- und Umschlaggestaltung fürs nächste Buch; man ist voller Tatendrang; der eine schiebt schon Zahlen hin und her, der andere hat seit Wochen nichts Gutes geschrieben, der Kaffee ist höllisch heiß, es zieht wie verrückt und die Bedienung sieht aus wie ein Bonbon.
25. November | Zuhause
Für jedes Wort, das mir nicht einfällt, lernt P ein neues.
24. November | Eigelstein
Wegen des neuen Buchpreises (oder wegen der ganzen Publicity drumherum oder weil es irgendwie mein Job ist oder weil ich nichts dagegen tun kann, dass es mich interessiert) kaufe ich mir also den SPIEGEL; 7 der 20 Titel habe ich gelesen, 3 davon fand ich gelungen, vielleicht werde ich mal bei Irene Solà reinlesen, aber zunächst nach dem lärmigen Bohei eine Erzählung von Maria Messina, angenehm staubig, angenehm gealtert, wie eine Kommode auf dem Dachboden meiner Großeltern.
23. November | Agneskirche
Ist es ein Zeichen für Erfolg oder Niederlage, wenn man einen seiner eigenen Bände im öffentlichen Bücherschrank entdeckt? Und hängt die Antwort davon ab, ob er zerlesen aussieht?
22. November | Raketenstation Hombroich
Glasklar wie die Geometrien, ihre Winkel, in den weiten Himmel gezogen, ein in knisterndem Zellophan zugefrorener Teich; hier ist Niemandsland, hier ist Winter – eine Schafherde, Häuserwürfel, die ausharren, näher zusammenrücken.
21. November | Buchhandlung
Der Autor, bei dem ich am häufigsten nach der Lektüre eines seiner Bücher denke: Oh, wie gern hätte ich das selber geschrieben: Georges Perec.
20. November | Zuhause
Seit ich mit L The Revenant gesehen habe, verabschieden wir uns manchmal morgens in die aufziehende Winterkälte mit den geraunten Worten: Wenn’s zu frostig wird, leg dich bis April ins Pferd.
19. November | Schauspielhaus
Ein grandioser Abend von und mit PeterLicht. Im Foyer, ein Glaskasten, Bleistifte und A5-Blätter, darauf: Du hast ein Problem? PeterLicht löst es für dich. Während er signiert, schreibe ich: Immer, wenn ich Popmusik höre, werde ich so traurig. Warum ist das so, lieber Peter?
18. November | Sofa
Alle Sender sind voller Knarren, Blut und Geschrei; das muss irgendwas mit der Theorie des Erhabenen zu tun haben, aber keiner weiß was, alle sind zu müde.
17. November | Küche
In neuen Büchern blättern, wieder mal, dessen nicht müde werden, ein paar Tagebucheinträge von Lucia Berlin, Juliane Lieberts Mörderballaden, hängen bleiben, wieder mal, bei Patti Smith: Dinge loslassen ist eines der schwersten Aufgaben im Leben. Was bleibt, im Loslassen, ist Integrität. Wir entfalten uns, straucheln, lernen von unseren Vergehen und dann tun wir alles noch mal. Stürzen uns wieder in den Abgrund, aus dem wir so mühsam herausgeklettert sind, um uns zu finden. Und wenn wir doch die innere Kraft dafür aufgebracht haben, beginnt der beschwerliche und bezaubernde Prozess des Loslassens. Eine Ruhe, die ausstrahlt wie natürliches Licht. Rundherum liegen Schutt und Trümmer, aber wir gehen vorsichtig, um nicht auf eine schwindende Silhouette zu treten, unsere eigene ursprüngliche Haut.
16. November | Bett
Wach gelegen, drüben im Depot durchs gekippte Fenster den Zügen zugehört; das Zischen, das Pfeifen, wie Walgesänge zweier, die sich ahnen.
15. November | Garagen Club
Zahnarzt, Laufrunde im Park, ein Auftritt – wie man nachher immer sagt: das war okay. Voll okay. Und alles davor ist vergessen; wahrscheinlich wäre die Menschheit sonst schon ausgestorben. Die Lippen am kalten Mikro, weißes Licht, der Applaus fremder Hände. Voll okay.
14. November | Bastians
In der Mittagspause überfliege ich in der FAZ einen Artikel über ein Theaterstück, den ich eigentlich gar nicht lesen wollte, darin folgende hinreißende Beschreibung moderner Dienstleistungseinsamkeit von René Pollesch: Immer wenn es klingelt, ist es Lieferando und nicht du.
13. November | dreiviertel
Lese heute dies: Uwe Johnsons Tochter hat zum Dank für die unbeschwerten Tage in Ingeborg Bachmanns römischer Wohnung einen ausgefallenen Milchzahn auf der Fensterbank hinterlassen.
12. November | Ehrenfeld
Wie ich dieser Tage immer wieder denke, so wie gerade, auf dem Rückweg von der Generalprobe: wenn Samstag rum ist, wenn der Auftritt vorbei ist, dann kehrt etwas Ruhe ein, dann mach ich erstmal nichts. Und dann fällt mir ein: ja, nee.
11. November | Innenstadt
Mit Geld, das ich nicht habe, mache ich Bücher, ohne es zu können, die niemand liest (heute Druckfreigabe für die großartigen Gedichte von David Krause).
10. November | Küche
Heute ziemlich früh gemerkt, dass es nichts wird mit dem Arbeiten, stattdessen ein ausgiebiges Frühstück und Lektüre der Neuen Post – darin diese Schlagzeilen: In Japan radeln sie Richtung Romantik – Ein Traum wird wahr – Ich bin der König der Welt – Einmal wieder Kind sein – So süß geht inkognito – Ein italienischer Abend – Kein Ende – Todes-Dementi – Im Gefängnis – Als Oma werde ich selbst noch mal zum Kind – Erleichterung nach Herz-OP – Versöhnung für Diana – Ich träume von Sex mit Gerhard Schröder – Sie zeigt ihr Baby – Getrennte Schlafzimmer müssen sein – So rührend kümmert sich sein bester Freund um ihn – Kein Fernseh-Abend ohne Bauer sucht Frau – Bricht jetzt ein Schlager-Streit aus? – Noch einmal Dolce Vita, bevor das Baby kommt – Ich mache jeden Mist mit – Einsame Tränen im Palast – Das ist mein Ehe-Rezept – Jetzt wird’s kuschelig – Pfarrerin mit Herz und Händen – Wahre Freundschaft kennt kein Alter – Mein Herz wird für immer ihr gehören – Von der kleinen Holzhütte zur Villa. doch das Kinderzimmer blieb leer – Die Liebe kann mich überall und jederzeit treffen – Seine wilde Vergangenheit – Schönheit hat viele Gesichter.
09. November | Café Schmitz
Bei Harry Frankfurt lese ich die wundervollen Wörter balderdash (Geschwätz), claptrap (Phrasendrescherei), hokum (Theatermätzchen).
08. November | Buchhandlung
Eine Entdeckung war heute der Essay Kein Schnee, nimmermehr von Antje Rávik Strubel (allein der Name der Reihe Unruhe bewahren ist toll), darin so manch Anstreichenswertes: Beim Schreiben beginne ich mittendrin. Ich sage mir, dass der Satz, den ich schreibe, ein unwichtiger ist. Ein fünfter oder fünfzigster Satz. Auf keinen Fall der erste. Und woanders: Oft werde ich gefragt, ob das Schreiben nicht eine einsame Beschäftigung sei. Ob ich nicht das Bedürfnis habe, in einem Café zu schreiben, umgeben von Leuten, inmitten von Leben. Das Leben, was ist das? Was ist es außer den Geschichten, die wir uns erzählen?
07. November | Innenstadt
Für ein Projekt des Kölner Schauspiels wurde ich vor einiger Zeit nach der Definition von Glück gefragt, wir saßen im Keller der Buchhandlung, ich sah auf die leeren Kartonstapel, wusste keine Antwort; spätabends zuhause dann dies: ein warmer Stoß Papier, der aus dem Drucker rauscht.
06. November | Innenstadt
In manchen Nächten beneidet man die Taxifahrer um all die Geschichten.
05. November | Rhein
Wenn wir verzweifelt sind, umarmen wir Schaufensterpuppen und streicheln ein Tierfell.
04. November | Bastians
Auf Kunst muss beharrt werden, sagt Ursula Krechel in ihrer Rede zur Verleihung des Büchner-Preises.
03. November | Bei dr Tant
Lesungen zum 100. von Ernst Jandl: Marica Bodrožić kam ihm – obwohl sie ihn niemals traf – in funkelnder Zuneigung am nächsten, Hummelt drosch Verse mit Furor und Hensel wagte eine vorsichtige Umarmung, dann gab es Spinatknödel für alle und bis Mitternacht, bevor alles im Kölsch versinkt, redet man noch über Kling, den Krieg und die weiten Wege in Berlin.
02. November | Hansaring
Habe heute einen griechischen Olivenkern minutenlang im Mund behalten, bis keinerlei Geschmack mehr an ihm war, seine Oberfläche so glatt wie das Parkett im Präsidentenpalast.
01. November | Zuhause
Vater sein: Geschirrtücher um Kühlpads wickeln.
31. Oktober | August-Sander-Park
Die Hasen im Park, spätabends, hocken auf der Wiese, reglos wie Terrakotta – richtet man den Blick zu scharf, sind sie sofort im Gebüsch verschwunden, wie eine gute Idee.
30. Oktober | Institut français
Im Foyer las ich gestern die erschütternden Essays von Tanja Maljartschuk, denen man größtmögliche Öffentlichkeit wünscht, die jedoch leider literarisch eher dürftig sind – die Alternative wäre gewesen, reinzugehen zum boulevardesken (Deutschlandfunk) Bestseller-Autor – also blieb ich sitzen und außerdem hat sie mich auf die poetologischen Texte von George Orwell gebracht.
29. Oktober | Sofa
Letztens vor einer Lesung in Krefeld trank ich einen Cappuccino irgendwo unterwegs, über der Theke stand in roter Leuchtschrift: Das Café ist deine Mutter.
28. Oktober | Café Schmitz
Man würde nie in einer Stadt leben wollen, die Thomas Bernhard nicht beleidigt hat.
27. Oktober | Buchhandlung
Ich bin kurz irritiert, als nach dem kumpeligen Warm-Up zwischen Moderator und Peter Stamm, Anekdoten von gemeinsamen Begegnungen auf Sylt beim Krabbenpulen, urplötzlich auf Siezen umgeschaltet wird, sobald die DLF-Aufzeichnung läuft; ein lächerliches Schauspiel, aber zur Versöhnung dann eine starke Lesung und mittendrin draußen ein Lieferwagen mit laufendem Motor, der lärmend irgendwelche Kisten auslädt.
26. Oktober | Dijon
Die langgezogene Hauptstraße durch das gnadenlos triste Industrieviertel, in der sich Brache an gesichtslose Lagerhallen und an leerstehende Fabriken reiht, heißt ausgerechnet Boulevard de Chicago; an deren Ende die einzige Boulangerie, kurz vor der Autobahn. Leichter Abschied, Brioche und Baguette.
25. Oktober | Castelló
Ich lese kreuz und quer in den Aufzeichnungen von Clemens Setz, freue mich an seinen clever funkelnden und blitzenden Betrachtungen; eine der schwächsten ist dabei diese: Lange vergeblich im Internet nach einer Frau gesucht, in die ich 1997 und 1998 arg verknallt war, währenddessen aß ich Erdbeeren.
24. Oktober | Castelló
Auf dem Balkon esse ich eine überreife Feige, matsche aufs Display und kann dennoch verschwommen erkennen, dass dieser Tage in einer kölnpariserischen Poesiezeitschrift ein Gedicht von mir auf französisch erschienen ist. Ich freue mich sehr, lasse meine Hand am Handy festkleben und schaue ein paar Minuten aufs aufgewühlte Meer.
23. Oktober | Castelló
Lese, ohne Eile, ohne Zwang, einige Gedichte von Julia Grinberg, zum Vergessen, einige mehr von Emily Cooper, schon ziemlich gut, dazu der knallige erste Roman von Sara Gmuer, und morgen, wenn ich Lust dazu habe, höre ich mit allem auf für den Rest des Monats. Gehe raus, schlendere neben dem Hund her, an der Promenade, sehe nach den Schiffen.
22. Oktober | Girona
Rodoreda lesen ist wie eine Telenovela auf La Primera schauen. Sehr angenehm, bisschen geschwätzig.
21. Oktober | Barcelona
Erfahre am Cristóbal Colón vom Tod Michael Wageners: eine unwirkliche Sprachlosigkeit. Danke für all diese besonderen Bücher. Und den Schlafplatz, im gutleut-Flur, alles voller Zigarettenqualm und Gedichte, vor Jahren zur Messe, auf quietschenden Isomatten, in Klamotten, manche von uns noch in Schuhen, zwischen gestrandeten, schwer schnarchenden Autoren, diese Nacht war ein langes Fest. Die Sonne scheint, ich schaue hoch zu Kolumbus. Gute Reise.
20. Oktober | El Cortalet
In den Feldern um Castelló, Spinnennetze, viel größer als Teller, fein gewobene Symmetrien, im verfangenen Tau bricht sich das Morgenlicht. Staunend betrachte ich diese filigranen Meisterwerke – da werde ich doch wohl noch dieses vermaledeite Manuskript fertig kriegen, raune ich ins nächstbeste Gebüsch.
19. Oktober | Figueras
Überlege immer öfter, alle Social Media-Kanäle zu löschen – ich habe keine Kraft mehr, diese permanente Erregung mitanzusehen. Vielleicht abonniere ich stattdessen eine Zeitschrift über Mineralogie.
18. Oktober | Figueras
Weißbrot, Olivenöl, Tomaten, Salz.
17. Oktober | Castelló
Am Mittag, in strahlendem Sonnenschein wage ich mich ins Meer, weiche mehreren Wellen aus, gehe zurück und wieder rein, stelle mich ziemlich an, bis ich es nach Minuten endlich geschafft habe; wieder im Sand, beobachte ich eine Schulklasse, zwölf Mädchen hüpfen rein, dann zwölf Jungen, lachen, spritzen sich nass, werfen sich in die Brandung: Schwimmunterricht in Katalonien, Mitte Oktober.
16. Oktober | Castelló
Verriegelte Souvenirshops, keine Nachbarn, der Kaffee kommt jetzt ohne Eis, es ist Herbst. Die Hitze, der Lärm, die Blätter der Bäume, deren Namen ich nicht weiß – verschwunden. Nur ich sitze noch immer auf dem Balkon, vor mir blaue Unendlichkeit, mittelmäßige Gedanken.
15. Oktober | Castelló
Das zweite Jahr in Folge ohne Besuch der Frankfurter Buchmesse: all die nicht geführten Gespräche werden mir guttun.
14. Oktober | Metz, Nancy, Besançon
Spätabends, eine leere Autobahn, nur hin und wieder rauschen Scheinwerfer, weiß oder rot, vorbei, bald von einer Kurve verschluckt; ich genieße die Monotonie, überlege Titel und Covermotive für das übernächste Buch, habe einzwei gute Einfälle – sowas gelingt sonst nur nachmittags im Bett.
13. Oktober | Maybachstraße
Das Schlimmste am Herbst ist, dass die Platanen ihre Blätter verlieren und man all die Nachbarn von gegenüber wiedersieht.
12. Oktober | Friesenplatz
Sehe ein paar junge Menschen, zerzaust, auf den zusammengeketteten Stühlen eines Burgerladens, die Füße auf dem Tisch, in der zärtlichen Morgensonne, der durchgemachten Nacht beim letzten Bier und ein paar Zigaretten hinterher zitternd – mich befällt Wehmut und ich frage mich, wann das alles gekippt ist, wann diese Nächte aufhörten und mit wem.
11. Oktober | Sofa
Unter einem Danke-Posting für all die eingegangenen Geburtstagswünsche generiert die KI folgende Fragen: Was ist die Bedeutung von Dankbarkeit? Wie kann man schöne Tage schaffen? Welche Rolle spielen Kuchen und Pizza? Was ist ein verbummelter Tag?
10. Oktober | Buchhandlung
Nora Zukker – ich schätze sie aus den Jury-Sitzungen zur Hotlist vor ein paar Jahren – trägt in einer Insta-Story zu irgendeinem Buchpreis-Blabla ein T-Shirt mit der Aufschrift physically at the office, mentally in the Bahamas und ich denke: Ja (so wie damals beim Votum für Young-ha Kim).
09. Oktober | Zuhause
Tu Ketchup an das, was du isst.
08. Oktober | Friesenviertel
Ich habe bei der gestrigen Marko-Dinić-Moderation nur etwa ein Fünftel der vorbereiteten Fragen und Themen zur Sprache bringen können, was Zeichen einer gelungenen Veranstaltung sein kann; Mitternacht im Brauhaus, bei Bier und Brot, Tartar und Wacholderschnaps rauscht die Rechnung mühelos ins Dreistellige, was unverkennbares Zeichen einer gelungenen Veranstaltung ist. Am Ende lächeln wir einer Maus zu, die behände zwischen unseren aufbrechenden Schritten tanzt und gehen unserer Wege, leicht und matt.
07. Oktober | Il Mezzogiorno
Als es noch keine Mobiltelefone gab, hat man manchmal jemanden angerufen; ich bin heilfroh, dass diese Zeiten vorüber sind.
06. Oktober | Zuhause
Ob es Kinder traurig macht, wenn sie ihre alten Spielsachen betrachten?
05. Oktober | Zuhause
Letzten Sommer war ich zu Gast in Ranis bei den Thüringer Literaturtagen; und eben fällt mir diese Notiz in die Hände, die ich morgens auf die Rückseite einer Hotelquittung gekritzelt hatte: zum Erwachen in fremden Kissen, eine Textnachricht von Lütfiye: hatte early bird frühstück, jetzt im garten, hab lavendel gefunden.
04. Oktober | Buchhandlung
Im Teilband 7.9 des Goethe-Wörterbuchs blätternd, entdecke ich das wunderbare Adjektiv schuftig.
03. Oktober | Weyerstr.
Das Ticken der IKEA-Wanduhr hat mich nervös gemacht – ich habe die Batterien rausgenommen und sie steht jetzt für immer auf fünf vor zwölf.
02. Oktober | Lo Sfizio
Lese in einer Theater-Ankündigung – ich weiß nicht mehr, wo es war – die klauenswerte Frage: Wie viele Likes fühlen sich an wie eine Umarmung?
01. Oktober | Museum für Angewandte Kunst
Eigentlich hatte ich vor, neue Texte von Mara Genschel zu lesen, aber es war zu dunkel und dann kommen Ulrich Noller und Navid Kermani ausgerechnet auf den Besuch eines Aquaparks an der Costa Brava, wo Kermani mit seiner Familie wohl mindestens einen, wenn nicht mehrere Sommer verbracht hat und seitdem verfolgt mich das absurde Bild, wie Navid mir in Katalonien mit Hawaii-Hemd und in Flip-Flops aus einer Eisdiele zuwinkt.